Die Anfänge des Ölzeitalters: ein Sonntagsausflug
Mo, 13. 8 2007
Hänigsen, ein Ortsteil von Uetze, nordöstlich von Hannover. Muss man da hin? Irgendwie schon. Schließlich wurde hier, aus dem vornehmlich ältesten Vorkommen Niedersachsens, seit mindestens 1546 Erdöl bzw. Teer gewonnen1. Also los, natürlich per Fahrrad.
Ein kleines Museum am nördlichen Ortsrand bietet einen Einblick. Zu den auch ohne Voranmeldung zu besichtigenden Ausstellungsstücken gehören ein nachgebauter Ölförderbock, einige Kopfnickerpumpen und eine Teerkuhle, aus der bis heute geschöpft werden kann.
Die erste Bohrung nach Erdöl wurde 1861/62 am Teerkuhlenberg niedergebracht. Nach verstärkter Bohrtätigkeit 1880/83 beginnt schließlich um 1900 die kommerzielle Förderung. Ab 1920 werden Tiefbohrungen angestellt, die dann auch höhere Ausbeute liefern und z.T. frei fließen.2
Auf einer Schautafel in der Bahnhofstraße des Ortes wird die Geschichte der kommerziellen Förderung durch die Deutsche Vacuum Oel AG (später Mobil Oil AG) im 20. Jahrhundert dargestellt. Die intensivierten Förderbemühungen in den 30er und 40er Jahren sind vor dem Hintergrund des Reichsbohrprogrammes3 zu sehen, in dem zur Vorbereitung und Führung des Krieges die inländische Erdölproduktion durch staatliche Maßnahmen unterstützt wurde. Die verhärmten Gestalten auf der Zeichnung der Bohranlage ‘Siegfried 30′ in den 40er Jahren mögen zeigen, dass auch bei der Vacuum Oel AG in Hänigsen Zwangsarbeiter zum Einsatz kamen, wie dies an anderen Standorten des Unternehmens der Fall war. Dass im Gebiet Nienhagen/Hänigsen zumindest im Ölwerk der Gewerkschaft Elwerath Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, ist belegt.4
Gegen Ende der aktiven Produktion in Hänigsen wurde durch die Einpressung von Salzwasser der Druck in den Reservoiren erhöht, um so die Förderung länger fortführen zu können. Ende der 90er Jahre, als schließlich 95% Salzwasser und nur noch 5% Öl gepumpt wurden, wurden die Quellen geschlossen.
Die Beschreibung der Mobil Oil Förderung in Hängisen endet mit dem stolzen Satz: “Das Ergebnis von mehr als einem halben Jahrhundert Erdölsuche und -föderung kann sich sehen lassen: 2,46 Millionen Tonnen Rohöl.” Es ist aufschlussreich, diesen Ertrag ins Verhältnis zum heutigen Verbrauch in Deutschland zu setzen. Im Jahr 2006 betrug der deutsche Primärenergieverbrauch aus Mineralöl 178,2 Mio t SKE.5 Umgerechnet auf Tonnen Rohöl ergeben sich 120,7 Mio.6 Die in Hänigsen geförderten 2,46 Millionen Tonnen würden heute in Deutschland innerhalb von weniger als acht Tagen verbraucht.
Mit der Einpressung von Salzwasser oder anderen Methoden wird heute in Saudiarabien, in Mexiko und an anderen Orten die Förderung sich erschöpfender Ölfelder aufrechterhalten. Dennoch ist sicher, dass die weltweite Ölförderung in nächster Zukunft, wie schon vor Jahren in Hänigsen, unaufhaltsam zurückgehen wird. Wie wird dann das Ende des Ölzeitalters in Hänigsen aussehen? Wird die alte Bockwindmühle wieder in Betrieb genommen?
Heute wird sie von Baukränen überragt, die in direkter Nachbarschaft ein Seniorenpflegeheim in die Höhe ziehen. Wie wird unsere Gesellschaft aussehen, wenn sie mit drastisch weniger Energie auskommen muss? Werden wir weniger materiellen Wohlstand aber mehr Zeit für Pflege haben? Werden weniger Menschen überhaupt alt und pflegebedürftig werden, weil der heutige medizinische Standard nicht gehalten wird? Wie wird unsere Gesellschaft widerstandsfähig, so dass sie elastisch auf Krisen wie Energiemangel und Klimawandel reagieren kann?
Quellen und weiterführende Links:
- Vgl. http://www.haenigsen.de/seiten/frameort.htm am 13.8.2007
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Vgl. Strobel, E. (1932): Das Erdölgebiet von Nienhagen, in: Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften, Band 84. p. 481-491, 5 fig., http://www.schweizerbart.de/pubs/journals/0012-0189/paper/84/481
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Ein Überblick zum Reichsbohrprogramm findet sich unter http://www.perlentaucher.de/artikel/851.html
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Vgl. die Eintragungen im Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-Occupied Territories 1939—1945 im Netz verfügbar unter http://www.zweitausendeins.de/cmsImgDB/ZA.pdf
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Vgl. die Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (www.ag-energiebilanzen.de). Link zu den statistischen Tabellen.
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Vgl. die von der AG Energiebilanzen verwendeten Tabellen zur Heizwertumwandlung.
Entry Filed under: Ortstermin, Resilienz, peak oil, Ölgipfel. .
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